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29. Jul 2009 | Buch

 
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DIALEKTIK DER IDEALISIERUNG

Seit mehr als dreißig Jahren steht das Werk von Pierre et Gilles für das inszenierte Porträt mit einer gewollten Überfrachtung. Die idealisierende Glätte rückt die bemalten Fotografien für manche Betrachter in die Nähe von Kitsch. Aber welche Idealisierung verfolgen die Arbeiten? Die des jungen Körpers? Der Schönheit? Der männlichen Genitalien? Der Homosexualität?

Wie kaum ein anderes zeitgenössisches Werk zeichnen sich die rund 700 Bilder durch das zentrale Thema der Verklärung aus. Dazu werden Motive aus der Mythologie (Hermes, Herkules, Ganymed u. a.) oder der Religionsgeschichte interpretiert. Entstehungsgeschichtlich älter sind die rund dreißig, auf Kirchenheilige ausgerichteten Werke, deren bekannteste Abbildung ein mit Pfeilen durchbohrter und nur mit schmalem Leinentuch bekleideter Jüngling ist. Überraschenderweise leidet dieser keine Qualen, sondern blickt erwartungsvoll in den Himmel, wobei seine Lippen leicht geöffnet sind, wie zu einem Kuss. Das Entstehungsjahr 1987 fällt zusammen mit der beginnenden Aidskrise, die die Emanzipation der Schwulen zuerst erschwerte, weil sie als scheinbarer Keim einer Seuche erschienen. Im späteren Verlauf wurden sie jedoch eine Art Märtyrer der sexuellen Revolution, da sie als Wegbereiter der freien Liebe zu Tausenden die ersten Opfer einer sexuell übertragbaren Krankheit waren.

Der schöne, muskulöse Saint Sebastian in paradiesischer Natur wird von Pierre et Gilles nicht trivial idealisiert, sondern als Opfer einer zweifachen Verfolgung durch Gesellschaft und Natur problematisiert, symbolisiert durch zwei Pfeile. Diese Dialektik zeigt sich auch in einer weiteren Abbildung des Saint Sebastian aus dem Jahr 1996: Fast zehn Jahre später ist der ebenfalls entrückt wirkende junge Mann nur noch von einem Pfeil verletzt, da sich die gesellschaftliche Repression als nicht mehr bedrohlich erweist. Dass der dargestellte Märtyrer asiatischer Abstammung ist, bietet ebenfalls ein Indiz für mehr Diversität.
In dieser Phase des Werkes treten statt leidender Heiliger heroische Figuren der Antike in den Vordergrund. Auch sie sind nicht uneingeschränkt idealisiert, sondern erweisen sich mit Ganymed oder Herkules als tragisch gebrochen. Die Zurückhaltung, die die Darstellung der Heiligen prägte, wird abgelegt und Penis sowie Schwert tauchen wie bei Spartakus gemeinsam auf. Doch selbst diese heroische Darstellung des Homosexuellen in den Arbeiten nach dem Jahr 2000 ist stets dialektisch angelegt. Herkules beispielsweise zeigt sich im Kampf gegen die vielköpfige Hydra. Diese jedoch ist ein Plastikspielzeug und damit ein Hinweis darauf, dass die Auseinandersetzung mit Homophobie zu einem unbedeutenden Aspekt unserer Gesellschaftsproblematik geworden sei.

Wichtig wird den Künstlern stattdessen, sich aktualitätsbezogen zu äußern, wie beispielsweise mit IRAQ WAR, das einen jungen Araber mit Maschinengewehr zeigt. Ornament und Nacktheit sind hier deutlich zurückgenommen, sodass man auf die Weiterentwicklung des Werkes gespannt sein darf. •oa

PIERRE ET GILLES, DOUBLE JE, 1976–2007, PAUL ARDENNE, JEFF KOONS,
HARDCOVER 24x30 CM, 460 SEITEN, ISBN 978-3-8228-4650-6, 39,99 EUR,
TASCHEN.COM

 

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